|
Vorsichtig lässt Kapitän Jim Borrowman das Aluminiumboot Lukwa aus der engen Bucht von Telegraph Cove gleiten und
nimmt Kurs in südliche Richtung. Mit stoischer Ruhe durchfurcht das Boot das Wasser. Monoton dringt das Geräusch der Dieselmotoren an unsere Ohren. Mit mir sind noch rund 40 weitere Touristen an Bord.
Unser Ziel: die Grenze zum Robson Bight Ecological Reserve. Es ist ein Teil der Johnstone Strait. Diese
Wasserstraße ist neben der Juan de Fuca Strait vor der Südküste Vancouver Islands die einzige Region weltweit, in der Orcas nahe der Küste umherschwimmen.
Mit dem Reserve hat es jedoch etwas Besonderes auf sich. Auf Kieselstränden, den sogenannten Rubbing Beaches,
reiben sich die Orcas die Bäuche. Warum sie dies tun, weiß noch niemand so genau. Forscherteams haben dort ihre Zelte aufgeschlagen und versuchen, hinter dieses Verhalten zu kommen.
Glück für die Touristen: Auch wenn man das Ecological Reserve nicht betreten beziehungsweise mit dem Boot
durchqueren darf, kommt man trotzdem so nah an die Rubbing Beaches heran, dass man die Tiere und ihr Verhalten genau beobachten kann.
Über vier Stunden dauert eine Tour mit Jim oder einem seiner zwei Kapitäne. Neben der Hauptattraktion, den
Killerwalen, stehen auch andere Naturschönheiten auf dem Exkursionsplan. Wir umrunden kleine Inseln, auf denen Baldeagles ihr Nest haben.
Gebannt suchen wir jeden Meter der Strände und Inselränder ab, in der Hoffnung, einen der fantastischen Vögel zu
Gesicht zu bekommen. Können wir keinen entdecken, bieten Stelar-Seelöwen eine willkommene Abwechslung oder Robben, die sich auf kleinen Felsvorsprüngen sonnen.
Oder eben Delphine. Wie aus heiterem Himmel ist unser Boot plötzlich von einer Gruppe Weißseiten-Delphine umgeben.
Vielleicht sind es dreißig, vielleicht auch fünfzig. Für einen Moment scheint das Wasser um unser Schiff herum zu brodeln. Behende springen die Meeressäuger in die Wellen, die die Lukwa auf ihrem
Streifzug durch die Johnstone Strait hinter sich herzieht.
Spielerisch schlagen die Tiere Kapriolen oder jagen durchs Wasser. Immer begleitet vom Surren unserer Videokameras
und dem Klicken der Fotoapparate. Dieses Schauspiel lässt uns vergessen, dass wir bis jetzt noch keine Orcas gesehen haben.
So plötzlich, wie es begonnen hat, ist es wieder vorbei. Nach einigen Minuten trennen sich unsere Wege. Die
Delphine haben wohl einen Fischschwarm aufgestöbert und jagen nun nach der Beute.
Während wir Touristen von den Delphinen begeistert waren, hat sich unser Kapitän Jim keinen Augenblick durch
ihre Show ablenken lassen. Immer wieder lauschte er den Tönen, die aus dem Unterwassermikrofon an sein Ohr drangen. Schon von weiten konnte er hören, was wir bald selbst zu sehen bekommen sollten: die Orcas der Johnstone Strait.
|