|
Ein breachender Wal, zwei Orcas, die das sogenannte Spyhopping vorführen, ein Blow nur wenige Meter vom Boot
entfernt oder einfach nur eine Dorsal Fin im Gegenlicht: alles Situationen, von denen man als Whale-Watcher träumt. Bannt man das Ganze dann noch auf Film, bringt man mit diesen fesselnden Bruchteilen
von Sekunden eine beeindruckende Trophäe mit nach Hause.
Doch die berühmten National Geografic Shots, von denen wir alle träumen, gelingen nur den wenigsten Touristen auf
einer Whale-Watching-Tour. "F-8 and be there", wie es unter Fotojournalisten heißt und übersetzt soviel bedeutet, wie zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dieses Glück hat nun leider
nicht jeder. Was nicht heißen soll, dass diese Aufnahmen gar nicht gemacht werden können. Manchmal führt der Zufall Regie und es gelingen die aufregendsten Fotos.
Denn Wale befolgen keine Regieanweisungen. Dieser Tatsache sollte man sich unbedingt bewusst sein, bevor man ein
Boot zu einer Whale-Watching-Tour besteigt.
Sie machen das, was sie gerade wollen. Mal breachen sie gleich mehrmals hintereinander, mal überhaupt nicht;
manchmal tauchen sie nur für Sekunden unter, dann sind sie wieder für Minuten verschwunden; mal schwimmen sie direkt auf das Boot zu, dann wiederum ziehen sie nur in großem Abstand vorbei.
Wir als Touristen können das Verhalten dieser fantastischen Lebewesen nur beobachten, sie aber in keiner Weise in
ihrem Verhalten beeinflussen. Auch nicht die Bootsführer. Diese müssen sich an bestimmte Regeln halten, die zum Schutze der Tiere aufgestellt worden sind.
Sich den Orcas beispielsweise über die vorgeschriebenen Mindestabstände hinaus bewusst zu nähern, ihnen in
ihre Schwimmbahn zu fahren, nur um dadurch an einen besseren Punkt zum Fotografieren zu kommen, würde ein Eingriff in ihren Lebensraum sein.
Zur Fototechnik selbst ist zu sagen: Mit jeder Kamera, sogar mit einer sogenannten Billigplastikkamera, können
faszinierende Aufnahmen gelingen. Der Benutzer muss, wie anfangs erwähnt, nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort und die Kamera aufnahmebereit sein.
Automatische Autofocuskameras sind sicherlich von Vorteil, wenn die Wale sich bewegen. Aber die vielen Reflexionen
können die automatische Scharfstellung irritieren. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, bieten Spiegelreflexkameras in einer solchen Situation: Man kann den Autofocusmodus abschalten und wieder nach
altväterlicher Sitte manuell scharf stellen. Zudem bietet dieser Kameratyp die Möglichkeit, Objektive verschiedener Brennweiten einzusetzen.
Als besonders empfehlenswert erweisen sich Brennweiten zwischen 35 und 105 mm, wenn die Wale dicht am Boot sind.
Sind sie weiter weg, kommt man an Brennweiten ab 200 mm nicht mehr vorbei. Dabei ist Folgendes zu beachten: Benutzen Sie Tele- oder Zoomobjektive, erfordern die Aufnahmen von Schiffen aus möglichst kurze
Belichtungszeiten, die sich um die 1/500 und 1/1000 pro Sekunde bewegen sollten. Diese kurzen Zeiten "frieren" die Bewegungen der Wale auf dem Film ein. Unschärfen, zum Teil bedingt durch die
Schiffsbewegungen, werden so weitgehend reduziert.
Falls möglich, sollte man den Film auf dem Wasser immer ein wenig reichlicher belichten. Eine +1 oder
+1,5-Korrektur ist ideal, damit die Fotos später nicht zu dunkel ausfallen. Denn helles Sonnenlicht irritiert den Belichtungsmesser der Kamera, selbst den eines Hightech-Spiegelreflexapparates.
Bei Bewölkung reicht in der Regel eine +1-Korrektur aus. Anders, wenn man sich in dunklen Gewässern, wie die
Johnstone Strait befindet. Dann sind Korrekturen in die andere Richtung, also -1 bis -1,5 angebracht.
Diese Vorschläge sind keine Garantie für gelungene Fotos, sondern nur Richtwerte. Jedes Filmmaterial reagiert ein
wenig anders, ebenso die Belichtungsmesser der Kameras. Also nicht am Filmmaterial sparen und ausprobieren.
Neben Fotoapparaten sind Videokameras mittlerweile ebenfalls ständige Reisebegleiter geworden. Genau wie
Fotoapparate brauchen auch sie Schutz vor Regen und Spritzwasser. Oft reicht eine einfache Plastiktüte aus, in deren Boden ein Loch geschnitten wird. Der Regenschutz sollte allerdings nicht zu eng
sitzen, sondern noch Platz für eine Hand bieten. Schließlich möchte man die Kamera ja noch bedienen können.
Ein unentbehrliches Accessoire sowohl für Fotoapparate als auch für Videokameras ist der Polarisationsfilter.
Er kann die Reflexionen auf der Wasseroberfläche reduzieren. So manche Dorsal Fin hebt sich in bestimmten Lichtsituationen dadurch deutlich besser ab.
Noch eine Bemerkung zum Schluss: Der Blick durch den Sucher einer Kamera ist in vielen Fällen wie der Blick auf
einen Fernsehbildschirm. Der direkte Blick auf die Szene, die sich vor den eigenen Augen abspielt, wird dadurch eingeschränkt. Die Nähe zur Realität geht verloren. Und damit die Möglichkeit, sich von den
Walen selbst faszinieren zu lassen.
Manch ein Fotograf hantiert mit Objektiven, Blendenringen und Verschlusszeitenrädern herum und kann sich gar nicht
auf den eigentlichen Grund konzentrieren, warum er so ein Boot an der Westküste Kanadas überhaupt betreten hat: nämlich Wale zu beobachten.
Deshalb: die Kamera auch einmal beiseite legen und einfach nur den Augenblick genießen. Auch wenn man dadurch
einen Breach oder ein Spyhopping nicht auf den Film bannen konnte. Manchmal ist es aber gerade ein solcher unmittelbar erlebter Moment im Leben eines Touristen, der für immer im Gedächtnis haften bleibt.
|